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Weltfrauentag: Nur fünf Prozent weibliche Ortschefs

08.03.2012
Die Frau als Chefin ist auch in den österreichischen Gemeinden immer noch eine Besonderheit.
Bildrechte: Konstantin Gastmann/pixelio.de
Der Anteil der Frauen an der Gemeindespitze beträgt nur fünf Prozent. Die Hürden für Frauen, an die Spitze von Gemeinden zu kommen, sind vielfältig. Eine Bürgermeisterin musste sogar gegen ihren eigenen Bruder kandidieren. Was macht das Bürgermeisteramt in Österreich so frauenfeindlich? Eine Spurensuche.

Der weltweite Frauentag am 8. März lenkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit Jahr für Jahr auf Frauenthemen. Auch in der Kommunalpolitik gibt es noch großen Handlungsbedarf, wie die Zahlen belegen: Österreich hat mit Rumänien, Slowenien und Griechenland die geringste Frauenquote in der Kommunalpolitik. Nur 117 Ortschefinnen gibt es derzeit, 2.240 Bürgermeisterämter sind von Männern besetzt. Im EU-Vergleich belegt Österreich mit diesem Wert den viertletzten Platz. Europaweites Vorbild ist Lettland mit einem Bürgermeisterinnen-Anteil von 33 Prozent.

Ein Blick auf die Bundesländer ergibt ein höchst unterschiedliches Bild: Anteilsmäßig gibt es in Vorarlberg die wenigsten Bürgermeisterinnen mit 2,1 Prozent, gefolgt von Kärnten mit 2,3 Prozent Frauen an der Gemeindespitze. Niederösterreich sticht mit 7,3 Prozent Frauenquote bei 573 Gemeinden noch am ehesten positiv heraus.

Anteil der Bürgermeisterinnen nach Bundesländern:

 

Bundesland Gemeinden insgesamt Bürgermeisterinnen Prozentanteil
Burgenland 171 8 4,7 %
Kärnten 132 3 2,3 %
Niederösterreich 573 42 7,3 %
Oberösterreich 444 27 6,1 %
Salzburg 119 4 3,4 %
Steiermark 542 23 4,3 %
Tirol 279 8 2,9 %
Vorarlberg 96 2 2,1 %
Wien 1 0 0
GESAMT 2357 117 5 %

Gründe für diesen schlechten Schnitt gibt es viele, wie auch Gemeindebund-Präsident Helmut Mödlhammer weiß: "Das Bürgermeisteramt beinhaltet eine Unzahl von Verpflichtungen, die viel Zeit kosten. Der Bürgermeister muss rund um die Uhr Ansprechperson sein, er ist Sicherheitschef, Baubehörde und Beichtvater zugleich." Auch die zahlreichen Abendtermine, die mit dem Amt verbunden sind, tragen nicht unbedingt zur gesteigerten Attraktivität für Frauen bei. Politikwissenschafterin Birgit Sauer ortet auch noch andere Probleme: Oft passen Geschlechterstereotype, die mit dem Prototyp des Ortschefs verbunden werden, wie Trinkfestigkeit, und die Mitgliedschaft im Fußballverein, nicht mit dem Bild der Frau als Bürgermeisterin überein. Oft stehen hinter Bürgermeistern starke Frauen - die Männer hinter Bürgermeisterinnen unterstützen ihre Frauen aber oft nicht, weil sie mit deren Amt nicht einverstanden sind.

Wie sehen die amtierenden Bürgermeisterinnen in Österreich die Lage? Fühlen sie sich als Exotinnen oder empfinden sie sich als akzeptiert? Kommunalnet hat nachgefragt.

Annette Sohler würde das Bürgermeisteramt nicht als familienfreundlich bezeichnen. (Bildrechte: Gemeinde Lingenau)"Das Amt ist nicht familienfreundlich"

Annette Sohler, 32 Jahre, dürfte sich wahrhaft als "Exotin" in Vorarlberg bezeichnen. Sie ist als Lingenauer Ortschefin eine von zwei Vorarlberger Bürgermeisterinnen. Gemeinsam stehen sie 94 männlichen Kollegen gegenüber. "Ich hatte keine Probleme oder Hindernisse, als ich Bürgermeisterin wurde. Im Gegenteil: Alle, auch die Bürger, freuten sich, dass sich eine Frau für dieses Amt meldet. Die Akzeptanz war also von Anfang an gegeben. Auch die Arbeitsweise mit den männlichen Gemeinderatsmitgliedern oder Mitarbeitern ist immer konstruktiv. Natürlich vertritt jeder trotzdem seine Meinung. Ich würde sogar behaupten, dass die Anwesenheit von Frauen zu einem anderen Gesprächsklima beiträgt. Eine Mischung tut immer gut", fügt sie lachend an. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnte, diesen Beruf mit einer Familie vereinbaren zu können, muss sie wieder lachen: "Ich finde, das ist kein familienfreundlicher Beruf. Wir haben in dieser 1.300-Einwohner-Gemeinde an Personal gerade so viel, wie wir benötigen. Von daher ist dieses Amt ein Vollzeitjob. Wenn ich Familie hätte, würde ich auch für sie da sein wollen." Sohler war vorher schon in der Verwaltung tätig und ist Quereinsteigerin in das Bürgermeisteramt. "Politisch habe ich nicht viel anders gemacht als meine Vorgänger. Wichtig ist mir, dass Frauen und Familien generell sich schnell integrieren, wenn sie zuziehen. Das unterstütze ich gerne als Bürgermeisterin."

Für Sonja Ottenbacher bedeutet das Bürgermeisteramt den Aufstieg in die Landespolitik. (Bildrechte: Gemeinde Stuhlfelden)Per Umfrage zur Kandidatin gekürt

Sonja Ottenbacher ist per Umfrage zur Bürgermeisterkandidatin der Salzburger Gemeinde Stuhlfelden geworden: "Ich war vorher schon Vizebürgermeisterin, die Partei bevorzugte dann bei der nächsten Gemeinderatswahl jedoch eher einen Kollegen. Erst durch eine Umfrage kam heraus, dass die Bürger mich eher wählen würden. Das war damals sowieso ein Novum, da es vor 2004 keine Bürgermeisterin in Salzburg gab und dann gab es mit mir gleich noch zwei andere im Pinzgau. Zu Beginn wurde bei mir natürlich genauer hingeschaut. Heute ist es aber für die Bevölkerung ganz normal, dass sie eine Frau als Bürgermeister haben." Auch ihre männlichen Kollegen aus den anderen Gemeinden hatten damals kein Problem mit ihr: "Ich habe mich unterstützt gefühlt. Man dazu auch sagen, dass ich keine Scheu hatte, dass ich frage, wenn ich etwas nicht weiß. Ich glaube, das ist das Um und Auf, denn nicht jeder kann alles wissen. Auch bei den Treffen hatte ich das Gefühl, gern gesehen zu sein." Für Sonja Ottenbacher war der Posten als Bürgermeisterin sogar das Sprungbrett in die Landespolitik, sie ist inzwischen zusätzlich als Landtagsabgeordnete tätig. Generell sieht sie die Zeitproblematik nicht so eng, denn sie ist der Auffassung, dass man seine persönlichen Grenzen mit der Zeit sowieso ausloten muss. "Ich glaube aber schon, dass es viel schwieriger wird, wenn man Kinder hat, denn dann will man ja auch eine gewisse Zeit für die Familie aufbringen. Dieses Vereinbarkeitsproblem hatte ich nicht." Ottenbacher spricht von einer 30 bis 60-Stunden Woche, je nach Terminplan. Nebenher führt sie noch eine Praxis für Psychotherapie.

Eine wahre Vorkämpferin: Bürgermeisterin Maria Zwölfer. (Bildrechte: Gemeinde Lermoos)Zwölfer: "Musste gegen den eigenen Bruder mit eigener Liste kandidieren"

Größere Hürden musste Bürgermeisterin Maria Zwölfer in der Tiroler Gemeinde Lermoos überwinden. Ihr wehte in der Gemeindepolitik anfangs ein raues Lüftchen entgegen. Schon sechs Jahre arbeitete sie für die Gemeinde als Gemeindevorstand, als 2004 der Altbürgermeister nicht mehr zur Wahl antrat: "Damals haben mich viele Bürger gefragt, ob ich Bürgermeisterin werde. Als es dann soweit war, die Listen aufzustellen, musste ich feststellen, dass nur die eigene Liste mich nicht aufstellen wollte. Dazu kam, dass der Wunschkandidat meiner Liste auch noch mein Bruder war. Eigentlich wurde ich nur in der Hoffnung gefragt, dass ich ablehnen würde, was ich dann aber nicht getan habe. Das ganze ging so weit, dass ich schlussendlich sogar mit meiner eigenen Liste, die ich kurz vor Abgabeschluss noch schnell gegründet habe, bei der Wahl antrat. Meine ehemaligen Kollegen glaubten damals natürlich nicht, dass ich als Frau beim ersten Antreten mit der eigenen Liste Bürgermeisterin werden könnte.

Ich ließ mich jedoch dadurch nicht entmutigen und wurde bei der Stichwahl gegen meinen Bruder vom Volk als Bürgermeisterin gewählt. Das war damals keine leichte Situation, da ich als einzige meiner Liste in die Gemeindevertretung gewählt wurde und als Bürgermeisterin einen Gemeinderat hatte, der sich nur aus der Opposition zusammensetzte." Inzwischen hat die streitbare Bürgermeisterin (bei der letzten Wahl) satte 6 Mandate erreicht und ist nur um wenige Stimmen an der absoluten Mehrheit im Gemeinderat vorbeigeschrammt. Die Direktwahl als Bürgermeisterin gewann sie hingegen klar.

"Man muss die Leute im Vorfeld einbinden, so konnte ich dann doch vieles umsetzen. Anfangs gab es eigentlich zwei Lager: Jene, die angestoßen haben, dass es endlich eine Bürgermeisterin gibt und jene, die das Ende von Lermoos kommen sahen. Mittlerweile habe ich zumindest erreicht, dass die Pessimisten sagen, dass ich als Frau auch was weitergebracht habe." Die Unterschiede sieht sie vor allem in der Bewertung von Charaktereigenschaften: "Die typischen Eigenschaften, die man als Bürgermeister braucht, werden einer Frau oft als negativ ausgelegt. Beweist man Durchsetzungskraft, wird man schnell als 'Bissgurn" abgestempelt, zeigt man Handlungsgeschick, so wird man schnell zur Schlange. Bei Männern wird das eher honoriert als bei Frauen."

Zwölfer hat drei Kinder, die jedoch schon im Teenageralter waren, als sie sich zur Bürgermeisterin aufstellen ließ. Generell zeigt sich jedoch, dass Frauen, wenn möglich, versuchen, die Hürde, das Bürgermeisteramt mit Kindern zu vereinbaren müssen, umgehen. In Tirol sind die mittlerweile acht Bürgermeisterinnen sehr gut vernetzt. Alle zwei Monate nutzen sie ein Treffen um sich auszutauschen. Vernetzung mit Kolleginnen wird von den Frauen generell als sehr hilfreich angesehen. Um dies österreichweit zu forcieren, findet von 17. bis 18. August 2012 in Tirol das österreichweite Bürgermeisterinnentreffen statt.


Verfasser: Redaktion (presse@gemeindebund.gv.at)



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