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"Oberwölz macht zu" - Eine Stadt öffnet sich für Kunst

03.07.2012
Oberwölz hat sich sprichwörtlich der Kunst und Kultur verschrieben.
Bildrechte: Regionale12
Kunst und Realität haben sich in Oberwölz vermischt. Im Rahmen eines Kunstprojektes schloss die Stadt für zwei Tage ihre Tore und richtete den Blick nach innen. Aufgeschlossene Drinnenbleiber erwartete ein spannendes Programm. Bürgermeister Günther Bischof und Festival-Regisseur Andreas Staudinger teilten mit Kommunalnet ihre Impressionen.

Was passiert, wenn man die gewohnten Bahnen des Alltags ohne die eingeübten, stressbedingten Scheuklappen betrachtet? Die rund 1.000 Einwohner ließen sich von 23. bis 25. Juni 2012 im Rahmen der "Regionale12" für das Kunstprojekt "Oberwölz macht zu" in ihre Stadt einschließen, um durch die neue Erfahrung andere Betrachtungsweisen auf die eigene Gemeinde zu gewinnen. In Zeiten von Verstädterung, Globalisierung und geballten Ballungszentren wirft die Regionale einen Blick auf neue Diskurse und die gesellschaftliche Entwicklung in ländlichen Regionen.

Regionale holt die Kunst vor die Haustür

Seit 2008 veranstaltet die "Regionale Steiermark" im Zweijahresrhythmus Kulturfestivals in Kleinregionen des Bundeslandes. Gemeinden können sich als Veranstaltungsorte bewerben und werden von einer Jury ausgewählt. Dieses Jahr ist es die Region Murau, mit ihren 34 Gemeinden, geworden. Von 22. Juni bis 22. Juli 2012 werden 24 unterschiedliche Kunstprojekte in den einzelnen Gemeinden ausgetragen. Unter dem spielerischen Motto "Stadt. Land. Fluss" hinterfragt man Konzepte und Grenzen. Wo beginnt "Stadt"? Wo hört "Land" auf? Und wo bleibt die Gemeinschaft im Fluss des Alltags? Kommunikation und Diskussion mit den Gemeindemitgliedern, sowie die Partizipation der Einwohner/innen sind ein wichtiger Bestandteil der Regionale-Projekte.

Die mittelalterliche Mauer des Stadtkerns war der ideale Veranstaltungsort. (Bildrechte: Gemeinde Oberwölz)Einschluss zwecks Öffnung

Die Murauer Stadt Oberwölz nahm sich drei Tage lang Zeit für das sozio-kulturelle Projekt "Oberwölz macht zu". Die ungewöhnliche Idee des Festivals stammt von Projektleiterin Gunilla Plank, die selbst in Oberwölz geboren wurde und momentan in Graz lebt. Von Samstag Abend, dem 23. Juni 2012, bis Montag Nachmittag, den 25. Juni 2012, schloss man die Tore der Stadt. Die mittelalterliche Stadtmauer wurde als symbolische Begrenzung von einer sich schnell verändernden Außenwelt genutzt. So besann man sich auf das immer weniger werdene Gut "Zeit": "Die Menschen nutzten die Tage, um ihren Alltag objektiv zu betrachten. Dieser Vorgang kann sehr produktiv sein, man sieht eingefahrene Strukturen, die man davor nicht gesehen hat bzw. sehen konnte", so Festival-Regisseur Andreas Staudinger. Jeder war dabei willkommen: Einheimische, Exil-Oberwölzer und sonstige Interessenten bildeten einen bunten Mix. Man nutzte die Zeit, um sich intensiv auszutauschen, neue Bekannschaften zu schließen und somit seinen Horizont zu erweitern.

Bei der Eröffnung feierten Drinnen- und Draussenbleiber noch zusammen. (Bildrechte: Regionale12)Eine "Mordsgaudi"

Samstag Abend, den 23. Juni 2012, war es soweit. Die Auftritte der Blasmusikkapelle, von Chören, der Opernsänger Wilfried Zelinka und Franz Leitner sorgten nicht nur für eine ausgelassene Stimmung, sondern sie bildeten auch den feierlichen Auftakt für das dreitägige Spektakel. Zu Mitternacht schloss man schließlich die Tore und bis auf ein paar Jugendliche, die sich doch hinausschlichen, blieben diejenigen, die bleiben wollten, innerhalb der Mauern. Für die "Ausreisenden" wurde sogar noch ein Abschiedslied gesungen. "Es war sehr rührend und beinahe herzzerreissend", meinte Bürgermeister Günther Bischof bewegt. Auch für den Regisseur des Festivals war das ein besonderer Augenblick: "Es war ein einzigartiger, magischer Moment, als diese hunderte von Leuten aus der Stadt zogen. Eine große gemeinschaftliche Nähe und Verbundenheit war zu spüren. Es war einer der Momente, wo der Regisseur aufhört Regisseur zu sein und selbst in das Geschehen hineingezogen wird."

'EinThe show must go on

Für die Drinnenbleiber ging das Festival weiter. Den Festivalgästen wurde eine kunterbunte Mischung an Workshops und Informationsveranstaltungen geboten. Mit einem aufwendig inszenierten Asylverfahren, das die sonntäglichen Kirchengänger passieren mussten, um in die Kirche zu gelangen, machte die Young Caritas Steiermark auf die Lage von Einwanderern und Asylwerbern aufmerksam. "Grenzen" waren ein wichtiger Aspekt des Festivals, ob persönlich oder von Außen gezogen. Man beschäftigte sich auch mit dem Traditionellen, dem Modernen und all dem, was dazwischen liegt. Von der Blasmusikkapelle bis zur elektronischen Musik, Ausstellungen, Spinnen, Sockenstricken, Fussball, öffentlichen Backen etc., war alles dabei. Betreut und begleitet wurden die Gäste dabei von den Mitarbeiter/innen des Instituts für Interventionsforschung und Kulturelle Nachhaltigkeit der Universität Klagenfurt. Vor allem auf der Seite der Veranstalter war die universitäre Stütze enorm wichtig: "Ihre Anwesenheit hat uns zur Reflexion angehalten und uns zum Beispiel darin geholfen, wie man am Besten mit Kritikern umgeht", meinte Regisseur Staudinger. Bevor man die Tore am Montag Nachmittag wieder öffnete, luden die Student/innen der Universität Klagenfurt zu einer gemeinschaftlichen Reflexion ein. Bei Kaffee und Kuchen besprach man die gemeinsamen Projekttage.

Projektleiterin Gunilla Plank und Bürgermeister Günther Bischof. (Bildrechte: Regionale12)Regionale Leckereien

In punkto Versorgung lief alles bestens. Sonntag Vormittag stellte Bezirksbäuerin Marianne Reichel den Festivalgästen ein reichhaltiges Frühstück zur Verfügung. Und auch sonst fiel man nicht vom Fleisch, denn die ansässigen Wirte sorgten ebenfalls für das leibliche Wohl. Auch für die Besucher/innen ohne Wohnsitz im ummauerten Stadtkern, hatte man sich was überlegt. Für Jung und Alt gab es genügend Übernachtungsmöglichkeiten in den Schulen, Geschäften und Amtshäusern der Stadt. "Ich wohne ja direkt in der Stadt, aber meine Vize-Bürgermeisterin hat sogar im ausgerollten Schlafsack im Gemeindeamt übernachtet", schmunzelte Bürgermeister Bischof. 

Der künstlerische Kopf hinter dem Festival: Regisseur Andreas Staudinger. (Bildrechte: Regionale12)Der Weg ist das Ziel

Die zwei Eröffnungstage waren das Tüpfelchen auf dem "i" eines langen Vorbereitungsprozess. Ein Jahr lang setzten sich die Veranstalter des Festivals mit den Bürger/innen in einem offenen Dialog auseinander. "Es war teilweise relativ schwierig die Stadtbewohner von dem Projekt zu überzeugen, viele haben den Sinn nicht nachvollziehen können", erzählt der Regisseur, "es war aber ungemein spannend, denn wir standen in einer konstanten Diskussion mit den Menschen vor Ort. Das allein war schon ein Prozess, der die Stadt in Bewegung gebracht und die Leute zum nachdenken, hinterfragen und umdenken angeregt hat."

'Bei"Unbedingt wieder"

"Es ist schön, dass Oberwölz nun Interesse als Kulturort an sich zieht und nicht nur als Ort, der 2011 eine Hochwasserkatastrophe erlitt", so Staudinger, "das Festival war ein guter Impuls, jetzt werden Ideen gesammelt. Die Gemeinde muss sich die Frage stellen: Wie kann man das Festival nutzen, damit etwas entsteht, das die nächsten Jahre anhält?" Die Stimmung bei den Menschen ist jedenfalls höchst positiv und motiviert, denn der Erfolg des Festivals konnte Kritiker, die sich im Vorfeld zu dem Projekt äußerten, überzeugen. "Es hat wirklich gut funktioniert und ist zugleich eine tolle Imagewerbung für unsere Region. Unser Festival hat so viel Aufmerksamkeit erregt und positive mediale Resonanz erhalten. Für kleine Regionen, wie unsere, ist das Gold wert", freut sich Oberwölz' Bürgermeister, "wir würden in Zukunft wirklich gerne nochmal so ein Projekt bei uns veranstalten." Gespannt wartet man das Resümee der Universität Klagenfurt ab, deren Mitarbeiter/innen und Student/innen den Festivalverlauf genau protokolliert und ausgewertet haben.

Durch den Einschluss hat man sich geöffnet. (Bildrechte: Regionale12)Wir sind Oberwölz

"Die Menschen sind sich näher gekommen, die Gemeinschaft wurde gestärkt und ein unerschütterliches "Wir-Gefühl" ist entstanden", meint der Regisseur, "die Oberwölzer wissen jetzt, dass sie etwas tun können, das sie von anderen Gemeinden abhebt. Darin sehe ich auch das große Zukunftspotential partizipatorischer Kunst für die Kultur ländlicher Regionen. Man kann die Schwellenangst vor der Kunst abbauen, indem man die Kunst vor die Haustür holt, denn das schürt die Neugier der Bewohner. Durch diese Neugier ensteht eine automatische Auseinandersetzung mit Kultur." In Zeiten von Informationsüberfluss und Anonymität besinnte man sich in Oberwölz auf die Individualität und Besonderheit der eigenen Heimat und sich selbst.


Verfasser: Redaktion (presse@gemeindund.gv.at)



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