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RFG-Schriftenreihe 4/2013 erschienen

27.11.2013


Das Haus im Grünen ist Wunschtraum vieler Menschen. Trotzdem wandern die meisten von dort weg. Über Strategien, wie man das Land wieder bevölkert, schreibt der Vorarlberger Kommunalwissenschaftler Dr. Gerald Mathis.

Die demographische Entwicklung mit Überalterung und der Flucht von jungen Menschen in die Städte, sowie die damit einhergehende Ausdünnung des ländlichen Raumes, ist ein zweischneidiges Schwert. Es birgt nicht nur für die ländlichen Regionen Probleme und ganz neue Herausforderungen, sondern auch die städtischen Agglomerationen sind mit neuen Problemen belastet und müssen einem übermäßigen Druck standhalten. Die Städte kommen mit dem zusätzlichen Bedarf an leistbarem Wohnraum, der Nachfrage nach Betriebsgebietsflächen, die in den urbanen Räumen gar nicht mehr vorhanden sind, sowie dem Bedarf an zusätzlicher Infrastruktur nur schwer zurecht. Dazu kommen immer stärkere, verkehrstechnische Belastungen, Umweltprobleme und eine erhöhte ökologische Sensibilisierung der Menschen gegen Verbauungen und die Verwertung von Flächen generell. In den ländlichen Räumen ist dagegen mit einer negativen Bevölkerungsentwicklung und der gleichzeitigen Überalterung eine nachhaltige Entwicklung nicht mehr finanzierbar und auch der Erhalt der sozialen Strukturen wird immer schwieriger.

Dr. Gerald Mathis ist Vorstand des ISK Instituts für Standort-, Regional- und Kommunalentwicklung in Dornbirn. Er lehrt an der Fachhochschule Vorarlberg und ist Leiter des internationalen Masterstudiengangs Standort- und Regionalmanagement. (Bild: ZVG)

Probleme können gelöst werden

 

 

Mit anderen Worten, sowohl die urbanen, wie auch die ländlichen Räume stehen vor Herausforderungen und Problemen, welche nur durch eine vorausschauende und zwischen Stadt und Land abgestimmte Planung gelöst werden können.

Auf den ersten Blick scheint das Problem offensichtlich. Es wirkt so, als hätte der ländliche Raum schlichtweg an Attraktivität verloren und die Menschen früher oder später zwangsläufig in die Städte ziehen wollen. So ist es aber nicht. In Wahrheit ist das Land auch in Österreich ein hoch attraktiver Wohnort und verfügt über zahlreiche inhärente Qualitäten. Die Nähe zur Natur, Sicherheit und ein stärkerer Zusammenhalt der Bevölkerung sind nur wenige Beispiele dafür. Für viele Menschen ist das Leben auf dem Land keinesfalls die zweite Wahl, sondern sie ziehen es entschieden dem urbanen Raum vor. Tatsächlich hat mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung ihren Lebensmittelpunkt in einer Gemeinde im ländlichen Raum.

Menschen verlassen ländlichen Raum nicht ohne Grund

Es ist also keineswegs so, dass die Menschen den ländlichen Raum verlassen wollen, sondern vielmehr, dass sie dazu gezwungen werden. Und damit sind wir beim tatsächlichen Problem angelangt.

"Die Menschen wollen (...) dort Arbeit finden, wo sie auch ihren Lebensmittelpunkt haben, wo sie wohnen." (Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum. Gestaltung günstiger Rahmenbedingungen für Klein- und Mittelbetriebe: Mugler, Josef/Fink, Matthias/Loidl, Stephan (2006); MANZ-Verlag) Und dennoch müssen derzeit knapp zwei Millionen Menschen in Österreich täglich in die Ballungsräume einpendeln. Wenn es in einer Region keine Arbeitsplätze in zumutbarer Entfernung gibt, so kommt es zwangsläufig zu einer negativen Bevölkerungsentwicklung. Ohne wirtschaftliche Aktivitäten im nachbarschaftlichen und regionalen Umfeld verlieren Kommunen ihre Attraktivität und Anziehungskraft - nicht nur für die Wirtschaft sondern eben auch als Wohngemeinde - und mutieren wenn überhaupt zu reinen Schlafgemeinden oder "sie rinnen einfach aus". Damit ist auch eine nachhaltige Sozialisation und Entwicklung dieser Räume nicht mehr möglich. Wenn Arbeitsplätze nicht mehr in einer zumutbaren Entfernung zu finden sind und damit auch die Daseinsvorsorge der Menschen nicht mehr gesichert ist, wird auch der schönste Wohnort zum Wochenenddomizil. Ein schleichender Niedergang ist so gut wie sicher.

Finanzielle Negativspirale für ländliche Kommunen

Als wäre damit nicht genug, so kommt mit dem Mangel an Arbeitsplätzen und dem damit einhergehenden negativen Bevölkerungswachstum, auch eine finanzielle Negativspirale in Gang. Zum einen, weil ohne eine regionale Wirtschaft auch keine direkten kommunalen Steuern generiert werden können. Und zum anderen, weil die Einwohnerzahl als Basis für den Finanzausgleich, die wichtigste Einnahmequelle der Gemeinden, dient. Ohne Arbeitsplätze wird also auch die Finanzkraft einer Region geschwächt und das führt letztlich zu weiteren Einbußen im Bezug auf die Attraktivität als Lebensraum und Wirtschaftsstandort. Zur nachhaltigen Entwicklung des regionalen Raumes sind Arbeitsplätze in einer zumutbaren Entfernung der zentrale Faktor. Nur mit Arbeitsplätzen ist die Daseinsvorsorge der Menschen im ländlichen Raum gesichert und nur mit Arbeitsplätzen können die Menschen im ländlichen Raum auch wohnen bleiben.

Ländlichen Raum außerhalb der Landwirtschaft stärker fördern

Wenn wir nun schon über die Finanzen sprechen, so erlauben Sie mir einen kurzen Exkurs zur Förderszene in Europa. Der ländliche Raum wird nämlich in der Tat intensiv gefördert. Allerdings ist die Landwirtschaft der primäre Empfänger von Fördergeldern der Europäischen Union und Geldern aus Leader Programmen. Auch die diesbezüglichen Förderstellen sind in der Regel in ganz Europa bei den Agrarministerien angesiedelt. Dabei steht außer Zweifel, dass wir die Landwirtschaft als Nahrungserzeuger und wichtigen Träger des ländlichen Raumes unterstützen und weiterhin fördern müssen, darüber sollten wir auch nicht diskutieren. Allerdings ist für die weitere nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raumes - und jetzt steinigen Sie mich bitte nicht - die Landwirtschaft nicht die Lösung, sondern das grundsätzliche Problem. Denn die Landwirtschaft kann nur noch 1,5 bis zwei Prozent der Menschen beschäftigen und damit werden wir den ländlichen Raum nicht nachhaltig weiterentwickeln, geschweige denn den Wohlstand und die Daseinsvorsorge für die Menschen im ländlichen Raum halten können. Wir laufen so Gefahr, am Ende nur noch riesige landwirtschaftliche Museumslandschaften zu fördern.

Es mag wie eine sehr einfache Rechnung erscheinen, aber die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen ist schlichtweg die wichtigste Stellschraube für die regionale Entwicklung. Arbeiten und Wohnen bedingen sich gegenseitig. Wenn man nichts zu essen hat, wenn die Daseinsvorsorge für die Menschen nicht gesichert ist und wenn es keine Zukunft für die Jungen gibt, dann kann man auch nicht wohnen bleiben. Das ist ein seit Jahrtausenden ehernes Gesetz. Nur die Art der Daseinsvorsorge hat sich geändert. War es früher das Sammeln von Beeren und Früchten, die Jagd und die Landwirtschaft, die das tägliche Brot verschafft haben, so ist es heute eben der Arbeitsplatz, der darüber entscheidet, ob die Menschen an einem Standort bleiben können oder nicht.

Grundprobleme bei Politikern noch nicht angekommen?

Man wird aber das Gefühl nicht los, dass diese Grundthematik und diese Notwendigkeiten in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion noch gar nicht angekommen sind. Wir reden ständig über Symptome, wie etwa die demographischen Entwicklungen, fehlende Nahversorgung, Sicherung der Infrastruktur, Druck auf die urbanen Räume, Landflucht usw. Der Kernpunkt des Problems sind jedoch Arbeitsplätze in zumutbarer Entfernung. Sie sind die unabdingbare Grundlage zur Sicherung und nachhaltigen Entwicklung des ländlichen Raums. Diese fallen jedoch nicht vom Himmel. Arbeitsplätze entstehen nicht von selbst.

Das Bekenntnis zur Wirtschaft sowie aktive Maßnahmen zur Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaftsförderung zur Ansiedlung und zur Gründung von Unternehmen, sind jedoch traditionsgemäß und tendenziell, eher in den urbanen Räumen zu finden. Genau hier gilt es umzudenken. Es muss ein anderes, eine neue Art von Bewusstsein Platz greifen. Es ist dringend notwendig, die ländlichen Räume in diese Richtung effizienter zu managen und zu entwickeln. Es gilt, auch im ländlichen Raum den richtigen Nährboden und die Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Entwicklung zu planen und sicherzustellen. Dazu gehören Unternehmensgründungen und Ansiedelungen, die Erhöhung der Gründungsfertilität, die Schaffung von kreativen, unternehmerischen Milieus, die Sicherung der Entwicklung bestehender Betriebe und einem damit verbundenen professionellen Flächenmanagement.

Es ist an der Zeit, den ländlichen Raum als jenen attraktiven Lebensraum zu erkennen, der er letztlich ist und gleichzeitig dessen wirtschaftliche Entwicklung zielgerichtet und effektiv zu fördern. Jeder einzelne Arbeitsplatz stärkt nicht nur die Standortgemeinde, sondern immer die Region als Ganzes. Damit stiften wir nicht nur Nutzen für die ländlichen Räume, sondern wir nehmen letztendlich auch den Druck von den städtischen Agglomerationen.

Dr. Gerald Mathis ist Vorstand des ISK Instituts für Standort-, Regional- und Kommunalentwicklung in Dornbirn. Er lehrt an der Fachhochschule Vorarlberg und ist Leiter des internationalen Masterstudiengangs Standort- und Regionalmanagement in Kooperation mit der Universtität Liechtenstein und der Hochschule Kempten. Gerald Mathis berät auf internationaler Ebene Länder, Regionen und Kommunen zu Fragen der Standort-, Wirtschafts-, Regional- und Kommunalentwicklung und ist Autor zahlreicher Fachpublikationen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus seinem neuesten Werk "Standort- Gemeinde- und Regionalentwicklung - Instrumente und Standards einer erfolgreichen Standort- und Wirtschaftsentwicklung für Länder, Regionen und Kommunen". Lesen Sie den gesamten Text in der RFG-Schriftenreihe 4/2013 (unten kostenlos zum Download)

 


Service: Lesen Sie hier die gesamte Ausgabe online im Blättermodus. Klicken Sie aufs Coverbild und los geht's.


(Öffnen Sie es hier als PDF-Dokument)


Verfasser: Dr. Gerald Mathis

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