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Dem Pflegesystem droht der Kollaps

23.11.2005
Bis zur Jahrhundertmitte steigt der Anteil der über 60-Jährigen an der Bevölkerung von einem Fünftel auf ein Drittel - die Zahl der Menschen über 80 wächst dabei überproportional. Diese Gruppe braucht besonders oft Pflege - aber diese ist nicht mehr so leicht finanzierbar.

Kein Grund zur Panik. "Im Moment haben wir keinen wie immer gearteten oder wie immer herbeigeredeten Pflegenotstand", versichert der ÖVP-Sozialsprecher Walter Tancsits. Und im Sozialministerium räumt die Sprecherin Christina Aumayr zwar ein, "dass zu wenig Pflegepersonal da ist und jenes aus den neuen EU-Ländern teilweise in einer rechtlichen Grauzone agiert", von Notstand will aber auch sie nicht sprechen.

Großteil der Pflege erfolgt durch Familien

Immerhin würde ein Großteil der Pflegeleistungen in den Familien erbracht: Nur 15 Prozent der pflegebedürftigen Personen sind derzeit in Heimen untergebracht, weitere zehn Prozent erhalten professionelle Hilfe durch soziale Dienste daheim.

Das heißt: Bei rund 85 von 100 Pflegebedürftigen erfolgt die Betreuung in den eigenen vier Wänden. Das entspricht dem Wunsch der Betroffenen, entlastet den Staat - aber es belastet die Angehörigen. Aumayr: "In der Steiermark haben wir ein Pilotprojekt mit einem Pflegescheck eingeführt, um Leute zu schulen, was sie machen sollen, wenn sie einen Verwandten aus dem Krankenhaus holen und der ist plötzlich ein Pflegefall."

Zahl der Senioren steigt schnell

Und diese Situation wird künftig eher öfter auftreten als bisher: Die Zahl der Senioren steigt, wie auch die Grafik zeigt, schnell: bis 2030 von derzeit 22 auf dann 31 Prozent der Bevölkerung. Wobei durch die steigende Lebenserwartung die Zahl der Hochbetagten über 80 die größten Zuwächse hat.

Diese Hochbetagten sind aber auch jene, bei denen der Pflegebedarf am wahrscheinlichsten wird, sagt Eva Bauer vom Haus der Barmherzigkeit in Wien: "Natürlich ist es wünschenswert, wenn sie daheim bleiben können, aber irgendwann geht es bei vielen daheim eben nicht mehr."

Umdenken beim Staat

Und das wird kosten: "Es ist bisher vom Staat viel finanziert worden, aber jetzt gibt es ein Umdenken, weil man sieht, das geht sich irgendwann nicht mehr aus," sagt Bauer. Im Haus der Barmherzigkeit - mit 130 Jahren eine der ältesten Pflegeeinrichtungen Österreichs - werden derzeit 500 Patienten betreut, die im Schnitt 87 Jahre alt sind. 80 Prozent der Pension müssen sie für die Pflege abliefern, dazu das Pflegegeld - ohne öffentliches Geld und Spenden wäre eine Betreuung nicht möglich.


Daher wird immer deutlicher eine eigene verpflichtende Pflegeversicherung angedacht - etwa vom Gemeindebundpräsidenten Helmut Mödlhammer (im Interview rechts), der sich damit bei seinem Parteifreund Tancsits allerdings nicht beliebt macht - dieser erklärte dem STANDARD: "Ich halte nichts davon, eine neue Pflichtversicherung einzuführen."

Sinnvoll sei allerdings, wenn jemand Eigenvorsorge betreibt, weshalb auch das Bausparen seit 1. September für Vorsorgemodelle geöffnet wurde. Auch die klassische Versicherungswirtschaft greift den Trend auf: Die Uniqa Versicherung gründet ein Unternehmen, dass Pflegedienstleistungen anbieten soll. Uniqa-Vorstand Gottfried Wanitschek wünscht sich allerdings, dass die Mehrwertsteuer von derzeit 20 zumindest auf zehn Prozent reduziert wird.

Das Unternehmen soll sich vor allem um jene immer größer werdende Zahl betagter Menschen kümmern, die in der eigenen Wohnung bleiben wollen, dort allerdings Pflege-und Hilfsdienste in Anspruch nehmen wollen (oder müssen). Dazu gehört auch Essen einkaufen zu gehen, die Menschen beim Spazierengehen zu begleiten oder einfach mit ihnen Karten zu spielen - im Alter allein zu sein, gehört nämlich zu den großen Sorgen der älter werdenden Bevölkerung (Bericht links unten).

Wohlbefinden in geistiger und körperlicher Frische ist aber andererseits auch ein wesentlicher Faktor, wenn es gilt, ein Abgleiten in die Pflegebedürftigkeit zu vermeiden: "Wenn wir diejenigen, die nur in Heimen sind, weil sich sonst niemand daheim um sie kümmert, herausbekommen, ist schon viel erreicht," sagt Tancsits.

Zwar werde es auch künftig Fälle geben, wo Patienten wegen ihrer Demenz oder nach einem Schlaganfall stationäre Betreuung brauchen - "aber wir müssen da vorbeugen; und wir können da vorbeugen. Gerade bei Schlaganfällen, die vor 20 Jahren noch einen Pflegefall geschaffen haben, kann heute durch sofort einsetzende Rehabilitation ein normales Leben ermöglicht werden."

Es sei "falsch, auf die Statistiken zu starren - dass die Menschen älter werden, darf nicht heißen, dass sie im selben Maß immobil werden, wie es die Hochbetagten heute sind."

(DER STANDARD, Conrad Seidl, Claudia Ruff, Printausgabe, 23.11.2005)

Interview mit Gemeindebund-Präsident Helmut Mödlhammer im Standard vom 23.11.2005

Im STANDARD-Interview fordert Mödlhammer die Einführung einer Pflegepflichtversicherung. Die Schmerzgrenze sei schon erreicht, bereits jetzt fließt im Schnitt die Hälfte des Sozialhilfeaufwands der Bundesländer in die Abdeckung der Kosten im Pflegebereich. Ihm sei zwar bewusst, dass mit einer Erhöhung der Lohnnebenkosten "niemand eine Freude hat", an einer "Solidaritätsaktion" führe aber kein Weg vorbei.

STANDARD: Sehen Sie einen Pflegenotstand auf die Gemeinden zukommen?

Mödlhammer: Kurzfristig sind unsere Senioren hervorragend versorgt. Mittelfristig wird es ein kleines Problem geben, langfristig sicherlich ein großes. Weil einerseits die Lebenserwartung zunimmt. Wir wissen, dass sich die Zahl der über 80-jährigen in den nächsten zehn Jahren verdoppeln wird. Das wird ein Riesenproblem. Wir haben spätestens dann einen akuten Handlungsbedarf. Andererseits wird die Pflege an sich immer teurer. Langfristig ist es sicherlich nötig, neue Wege zu beschreiten.

STANDARD: Was könnten das Ihrer Meinung nach für neue Wege sein?

Mödlhammer: Neue Wege heißt, dass wir das Problem nicht den Gemeinden als Heimerhalter allein überlassen können, sondern dass wir hier neue Einnahmequellen erschließen müssen. Das bedeutet, dass wir im Bereich der Sozialhilfe oder der Pflegehilfe neue Einnahmen brauchen, um den hervorragenden Standard zu halten.

STANDARD: Sind Sie dafür, eine für alle verpflichtende Pflegeversicherung einzuführen?

Mödlhammer: Ja. Es ist richtig, dass wir dieses Modell angedacht haben. Zur Zeit reicht es nicht aus, über Gebühren bei den Heimen hier Erleichterungen zu schaffen. Man weiß mittlerweile, dass zwei Drittel aller Altenheimbewohner bereits Sozialhilfeempfänger sind. Dass heißt, dass sie mit ihrer Pension und mit ihrem Pflegegeld bei den gegenwärtigen Kosten nicht mehr das Auslangen finden. Man muss hier rechtzeitig Vorsorgemaßnahmen treffen. Eine Möglichkeit wäre sicher eine Pflegeversicherung. Man könnte einen Prozentsatz der Sozialversicherung zweckbinden. Wichtig ist, dass man möglichst früh bei den Menschen ein Bewusstsein schafft, dass sie für die Pflege vorzusorgen haben. Andrerseits muss man natürlich eine Solidaritätsaktion starten, um dieses Problem langfristig zu lösen, also eine Versicherung.

STANDARD: Um wie viel Geld geht es da?

Mödlhammer: Zur Zeit ist es so, dass vom gesamten Sozialhilfeaufwand bereits für die Pflege in Heimen - von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich - zwischen 40 und 60 Prozent verwenden werden. Vom gesamten Sozialhilfeaufwand geht also ungefähr die Hälfte in die Abdeckung der Kosten im Pflegebereich. Damit ist die Schmerzgrenze eigentlich schon erreicht. Und diese Entwicklung wird sicherlich nicht günstiger werden, weil wir wissen, dass einerseits natürlich das Lebensalter der Menschen zunimmt, andrerseits werden auch die Zuwächse bei den Pensionen bei weitem nicht reichen, die zusätzlichen Kosten auszugleichen. Wir werden mehr Menschen zu betreuen haben, andrerseits werden die Einnahmen der Pensionen nicht so steigen, dass wir hier annähernd die Kosten abdecken können.

STANDARD: Die Pflegeversicherung sieht man allerdings auch in der ÖVP skeptisch, derzeit will noch niemand darüber reden.

Mödlhammer: Dieses Thema kann man kurzfristig nicht mit Ja oder Nein beantworten. Mir ist auch klar, dass niemand eine Freude hat mit einer Verteuerung der Lohnnebenkosten. Man muss aber sicherlich diverse Modelle andenken, um nicht langfristig in einen Pflegenotstand zu kommen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2005)


Verfasser: Der Standard - Redaktion (daniel.kosak@gemeindebund.gv.at)



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