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Wiener Alt-Bürgermeister Gratz verstorben

02.03.2006
Der frühere Nationalratspräsident, Außenminister, Klubobmann und Wiener Bürgermeister Leopold Gratz (76) ist Donnerstag Früh in der Wiener Krankenanstalt Rudolfstiftung gestorben. Gratz musste vor drei Wochen eine Operation am Herzen über sich ergehen lassen. Gratz war von 1973 bis 1984 Bürgermeister der Stadt Wien.

Alt-Bürgermeister Leopold Gratz ist gestorben. Gratz hatte 1973 das Amt des Bürgermeisters von Felix Slavik übernommen. AKH-Misere, Einsturz der Reichsbrücke und die Wiener Fußgängerzonen fielen in seine Amtszeit.      

Der 1929 in Ottakring als Sohn eines Bankbeamten geborene Leopold Gratz studierte nach Volksschule und Realgymnasium an der Universität Wien Rechtswissenschaften. Von Jugend an war er in verschiedenen Organisationen der SPÖ tätig, so unter anderem im Verband Sozialistischer StudentInnen Österreichs (VSSTÖ).

Klubobmann, Bundesrat, Nationalrat, Minister, Bürgermeister

Nach der Wahl 1971 übernahm er die Funktion des SPÖ-Klubobmanns.Schon ein Jahr später wechselte Gratz ins Parlament, wo er bis 1963 als Sekretär im Klub der Sozialistischen Abgeordneten und Bundesräte arbeitete. Bis 1966 vertrat er Wien im Bundesrat, dann kam er erstmals in den Nationalrat, dem er bis 1973 angehörte. 1970 holte ihn Bundeskanzler Bruno Kreisky als Unterrichtsminister in die Regierung. 
    
Wiener Bürgermeister von 1973 bis 1984

Am 5. Juni 1973 übernahm Gratz das Amt des Wiener Bürgermeisters. Aus seiner Amtszeit nachhaltig in Erinnerung geblieben sind unter anderem die Neugestaltung des Donauuferraums inklusive Donauinsel sowie die Revitalisierung der Inneren Stadt durch Fußgängerzonen.

Allerdings musste sich Gratz auch mit der Misere um den Bau des AKH, des größten Krankenhauses Österreichs, herumschlagen. Weiterer negativer Höhepunkt seiner Wiener Amtszeit: der Einsturz der Reichsbrücke am 1. August 1976. 
    
Höhepunkt der Karriere: Nationalratspräsident

Politisch erklomm Gratz 1984 die nächste Stufe, als er Wiener SPÖ-Vorsitzender wurde. Im selben Jahr holte ihn Bundeskanzler Fred Sinowatz zum zweiten Mal in die Regierung, 1986 wurde er Nationalratspräsident.     
    
Die politische Karriere von Gratz war nicht ganz frei von Schatten. Seine Freundschaft mit Udo Proksch - einst Liebkind der Wiener Gesellschaft und nach dem Untergang der "Lucona" wegen mehrfachen Mordes verurteilt - wurde 1989 für Gratz zum Stolperstein. Ende 1989 gab Gratz seinen Rückzug aus der Politik bekannt und erklärte, seine Entscheidung "ist eine persönlich und sie ist politisch begründet".

1993 musste Gratz in der Causa Noricum vor Gericht. In dem Verfahren wegen unerlaubter Waffenexporte saß er als ehemaliger Außenminister neben dem früheren Bundeskanzler Sinowatz und Ex-Innenminister Karl Blecha auf der Anklagebank. Alle wurden vom Verdacht des Amtsmissbrauchs und des Beitrags zur Neutralitätsgefährdung freigesprochen.


Rückzug ins Privatleben

Gratz hat zwei erwachsene Söhne aus erster und eine Tochter aus zweiter Ehe. Nach dem Ende seiner politischen Laufbahn zog sich Gratz vollständig ins Privatleben zurück. Nur noch auf SPÖ-Parteitagen blieb er bis zuletzt ein viel beklatschter Ehrengast. 

Die Wiener Bürgermeister seit 1945

Mit Konrad Poll beginnt 1282 die Liste der Wiener Bürgermeister. Mehr als 230 waren es seither. Michael Häupl ist es seit 1994. Er ist der siebente Bürgermeister Wiens seit dem Zweiten Weltkrieg. 
    
Seit dem Jahr 1282 gab es 237 Bürgermeister in Wien. Einige von ihnen haben das Amt mehrmals übernommen. Sieht man von einem kurzem kommunistischen Intermezzo unmittelbar nach Kriegsende ab, regierten in Wien seit 1945 ausschließlich sozialdemokratische Bürgermeister. 2008 könnte Michael Häupl Franz Jonas als längst dienenden Nachkriegs-Bürgermeister ablösen. 
    
1946-1951: Theodor Körner
Theodor Körner übernahm am 17. April 1945 als 73-Jähriger das Amt des Wiener Bürgermeisters. Offiziell gewählt wurde er erst am 14. Februar 1946. 1951 folgte er Karl Renner als Bundespräsident. 
    
1951-1965: Franz Jonas
Der gelernte Schriftsetzer und Buchdrucker war Bezirksvorsteher von Floridsdorf und Stadtrat für Ernährungsangelegenheiten. Er war 14 Jahre lang Wiener Bürgermeister und schlug für die SPÖ drei Wahlen. 1965 wechselte er vom Rathaus in die Hofburg. 
    
1965-1970: Bruno Marek
Der ehemalige Leiter der Wiener Messe AG war 16 Jahre lang Präsident des Wiener Landtags, ehe er im Juni 1965 Bürgermeister wurde. In seine Amtszeit fiel im Jahr 1968 der Grundsatzbeschluss des Gemeinderats über den Bau der U-Bahn und der Baubeginn ein Jahr später. 
    
1970-1973: Felix Slavik
Er war der "Kurzzeit-Bürgermeister" der Nachkriegszeit. Er scheiterte an einer Volksbefragung zur Verbauung des Sternwarteparks in Währing. 57 Prozent stimmten bei der ersten Volksbefragung mit "Nein". 
    
1973-1984: Leopold Gratz
Er war Jurist und SPÖ-Klubchef im Nationalrat. Als Bürgermeister musste er den Einsturz der Reichsbrücke erleben. In seiner Amtszeit wurde aber auch das Grundnetz der Wiener U-Bahn fertiggestellt. 1984 tauschte er den Sessel des Bürgermeisters gegen den des Außenministers im Kabinett Sinowatz. 
    
1984-1994: Helmut Zilk
Der ehemalige Lehrer, Journalist, ORF-Programmdirektor, Kulturstadtrat und Unterrichtsminister wurde 1984 als neuer Bürgermeister auserkoren. Mit der ihm eigenen Vehemenz widmete er sich den Angelegenheiten des einzelnen Bürgers. Dennoch verlor die SPÖ in seiner Amtszeit die absolute Stimmenmehrheit. 
    
Seit 1994: Michael Häupl
Dem studierten Biologen gelang es bei der Wahl 2001 die absolute Mandatsmehrheit für die SPÖ zurückzuerobern. Häupl formierte die legendäre Achse mit dem früheren Wirtschaftskammer-Präsidenten Walter Nettig (ÖVP), agierte in zentralen Fragen immer wieder gemeinsam mit Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) und gilt heute als starker Mann der SPÖ.


Verfasser: Daniel Kosak (daniel.kosak@gemeindebund.gv.at)



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